HessischeTheaterakademie

 
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MA Dramaturgie

Das tragische Schweigen – von Rosenzweig zu Benjamin

Friedrich-Hölderlin-Gastvorträge

Antonia Birnbaum (Université Paris Vincennes-Saint Denis)

Im ersten Teil seines Buches Stern der Erlösung reflektiert Franz Rosenzweig die antike Ethik mittels einer Analyse des tragischen Helden. Dessen Kampf wird als Einbruch eines Aktes g-ezeigt, für den es noch keine Sprache, keine Koordinate in der Vorwelt des Schicksals gibt. Da der Held über keine Sprache verfügt, um seiner Verweigerung des Opfers Ausdruck zu geben, kann er diese nur durch den stummen Trotz seines Körpers einsetzen. Während der Idealismus den tragischen Widerspruch im moralischen Dilemma des Helden verortet und aus seinem Tod ein Prinzip der Versöhnung zieht, verortet Rosenzweig den tragischen Widerspruch in der formalen Dimension des theatralischen Schauplatzes, um an ihm den unnachgiebigen Effekt des tragischen Schweigens herauszustellen. Die Wege Walter Benjamins und Rosenzweigs decken sich zeitweilig. Doch wenn beide Philosophen sich auch einig sind über die Irreduzibilität des tragischen Schweigens, trennen sie sich radikal in dem, was dessen Charakter und Wirkung angeht. Während Rosenzweig im tragischen Schweigen die Grenze einer Vorwelt sieht, die vor der Offenbarung steht, nimmt Benjamin es als eine Schwelle wahr, die in die historische Welt überführt. Seine Variation Rosenzweigs erweitert sich zu einer Abweichung, die sehr genau am theatralischen Schauplatz festgemacht werden kann.

Antonia Birnbaum ist Maître de conférences für Philosophie an der Université Paris Vincennes-Saint Denis. Sie lehrte Philosophie und Literatur an verschiedenen Universitäten u.a. in Straßburg, Freiburg/Breisgau und Metz. 2004 bis 2010 leitete sie das Programm „La philosophie à l’épreuve de l’art contemporain“ am Collège international de philosophie in Paris. Zu ihren Publikationen gehören: Vertige d'une pensée. Descartes corps et âme (2003); Bonheur, Justice, Walter Benjamin (2009); ihr neuestes Buch Trajectoire obliques. Foucault. Lacoue-Labarthe. Nancy. Rancière erscheint Ende 2013.

Aufführungen

20.06.2013, 18.00 Uhr, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Campus Westend, I.G.-Farben-Haus, Raum 1.411