HessischeTheaterakademie

 
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MA Dramaturgie

Theater, Tod, Politik. Über Heiner Müller

Friedrich-Hölderlin-Gastvorträge

Francesco Fiorentino (Universität Roma III)

Die Wirkung des Theaters, meinte Heiner Müller, beruht letztlich auf der Angst vor dem Tod, dieser „letzten Verwandlung“, die das Theater als Kunst der Verwandlung stets hervorruft. „Menschliche Existenz im Angesicht des Todes“ – das war für Walter Burkert der „Kern der Tragödie“. Durch die Tragödie fordert der Mensch den Tod heraus, um ihn im Raum des Imaginären zu erleben und zu überwinden. Dagegen arbeiten zentrale moderne Entwürfe eines politischen Theaters, die auf das Eingedenken der Sterblichkeit als politische Kraft setzen: Büchners Theater der Revolution, Brechts Lehrstücke, Heiner Müllers theatralischer „Dialog mit Toten“.
Die Worte der Toten sind bei Müller das Medium einer Transzendenz im gegebenen Diskurshorizont. Und das Theater ist das Medium, das die paradoxe Form abwesender Anwesenheit darstellt, die an aller Gegenwart das Verschwindende markiert, im Verschwindenden die Erfahrung der sprachlosen Präsenz eines unbestimmbaren Anderen artikuliert. Deshalb hängt Theater nicht nur mit Trauer und Anamnese, sondern auch mit Zukunft und Utopie zusammen. Es holt in die Präsenz des Imaginären das, was für immer außerhalb des Daseins ist und deshalb auf die Möglichkeit verweist, die Dasein haben könnte.

Francesco Fiorentino ist Professor für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Roma III. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen das deutsche Theater der Moderne, die literarische Theorie und die Interaktion zwischen Literatur und Geographie. Darüber hinaus gelten seine Interessen insbesondere den interkulturellen, intermedialen und geopolitischen Zusammenhängen, in denen Literatur entsteht. 2012 war er Fellow am Freiburger Institute for Advanced Studies. Zahlreiche Publikationen, u.a.: Heiner Müller. Per un teatro pieno di tempo (Hrsg., 2005); „‚Mein Haß gehört mir’. Über Heiner Müllers Philoktet“, in: Die Lücke im System. Philoktet Heiner Müller Werkbuch, hrsg. v. W. Storch u. K. Ruschkowski, Berlin 2005, S. 246-259; Atlante della letteratura tedesca (Mit-Hg., 2009).

Aufführungen

04.07.2013, 18.00 Uhr, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Campus Westend, I.G.-Farben-Haus, Raum 1.411