HessischeTheaterakademie

 
Newsletter Suche

Expansions. Notes of Hölderlin's Geo-Poetics

Antrittsvorlesung des dritten Friedrich Hölderlin-Gastprofessors für Allgemeine und Vergleichende Dramaturgie

Prof. Dr. Esa Kirkkopelto (Helsinki)

Friedrich Hölderlins später Entwurf „In lieblicher Bläue“ enthält den mysteriösen Vers: „Wie Bäche reißt das Ende von Etwas mich dahin, welches sich wie Asien ausdehnt.“

Die europäischen Flüsse, deren Lauf Hölderlin in seinen berühmten Hymnen darstellt, achten selten auf ihre geografische Bahn, sondern fließen manchmal gegen ihre Quellen und zögern dabei zwischen Osten und Westen. Sie beginnen als unzählige kleine Bäche und münden in große Deltagegenden, in denen der Unterschied zwischen Festland und Wasser aufgelöst wird.
Die ozeanische Verschmelzung mit dem Absoluten findet nie wirklich statt – oder kann nur vorgestellt werden.
Die geo-poetische Bewegung, welche die Gedichte nachzeichnen, dehnt sich nach Osten aus, doch diese Ausdehnung ist zugleich eine Art des Auflösens, dergestalt, dass es zweideutig bleibt, ob sich der Osten oder der Westen letztendlich ausdehnt oder zurückzieht...
Die These des Vortrags lautet, dass das auflösende Medium dieser Bewegung nicht nur das Wasser der Ströme ist, sondern auch die Sprache. Das „dichterische Wohnen“, das Hölderlin besingt und auf das sich Heidegger in seinen Lektüren oft bezieht, findet nicht nur auf der Erde statt, sondern auch innerhalb der Sprache oder vielmehr in jenen verwirrten Bereichen, in denen sie sich vermischen.
Dieser chaotische Zustand eröffnet sowohl die Möglichkeit der Zerstörung, als auch ein Zukunftsversprechen.
Ein Gedicht wie auch eine politische Gemeinschaft (welche für die Frühromantiker ihrer Struktur nach immer isomorph sind), muss mit Umständen rechnen, die ihm zuwiderlaufen und zudem einander feindlich gegenüberstehen. Die Gleichheit der Elemente ist nie gegeben, sondern immer ein instabiles Ergebnis.
In welcher Weise bezieht sich die Globalisierung auf das Problem der Ausdehnung, welches Hölderlin in der besagten Strophe zur Sprache bringt? Wie sind diese beiden Bewegungen der Ausdehnung – die globale und die poetische – aufeinander bezogen und wo kollidieren sie miteinander? Welche Folgen könnte die Erscheinung dieser zwei simultanen, aber inkongruenten Rhythmen für die Poesie und Politik unserer Zeit haben? Dies soll in Auseinandersetzung mit Heideggers Argumenten zur „Europäisierung“ in „Die Gespräche über die Sprache“ (1953-1954) sowie mit Denis Guénouns „About Europe“ (2013) diskutiert werden, in welchem die Idee Europa mit Blick auf Bewegung und Ausdehnung analysiert wird.

Aufführungen

27.10.2015, 18.00 Uhr, Goethe Uni